Reisetagebuch Teil I

 

Auto
Eurasien - 10000 km ostwärts
Einbauten
Spüle
Küche
Marienburg
Kanal
Masurische Seen
Häuschen in Litauen
Lettland
Rezcekne in Lettland
Bahnübergang in Russland
Russische Geschichte
Wolga-Liner
Dimitrij, Sohn von Ivan der Strenge

 

 

Eurasien – 10.000 km ostwärts

 

Teil I: Die Reise durch Osteuropa

 

Von dieser Reise möchte ich eine Reisetagebuch schreiben. Mal sehen, ob ich so viel Durchhaltevermögen besitze und dranbleiben werde. Viel Spaß beim Schmökern.

 

Letzte Vorbereitungen vor dem Start

28.05.2013

Nach einem guten Frühstück kann sich Hubert nicht mehr drücken: Er muss anfangen seine Kleidung und Unterlagen zusammen zu suchen und in Kisten zu verpacken, während ich alles in den Mercedes-Bus verstaue. Wir haben auch Geschenke/Bestechungsartikel dabei: Wodka für die Männer (2 verschiedene Sorten in kleinen handlichen Flaschen), Gummibärchen-Tütchen (einzeln verpackt) für die Kinder, sowie Shampoo, Haarwäsche und Likör-Minis für die Frauen.

Die Sonne scheint seit Wochen endlich wieder einmal – toll. Gleich wird es angenehm warm. Wir werden sicher das Eine oder Andere vergessen, aber was soll´s. Bis wir in der Mongolei ankommen, gibt es überall auf dem Weg Supermärkte, Magazine, Produkty-Läden und Auto-Werkstätten, in denen man sich den wichtigsten Ersatz besorgen kann.

Gegen Mittag kommen die Papiere – Gott sei Dank – wir können starten. Halb zwei geht es endlich los. Erst einmal nördlich Richtung Berlin und dann in die „Märkische Schweiz“ oberhalb von Fürstenwalde. Eigentlich eine schöne Gegend, doch bis dahin, wird das Wetter immer schlechter. In der Region angekommen, hat es nur noch ca. 7 Grad bei starkem Wind und Dauer-Regen. Wir sind gute 300 km gefahren.

 

Die masurischen Seen in Polen

29.05.2013

Unser nächstes großes Ziel sind die „Masurischen Seen“ in Polen. Ich habe schon viel davon gehört und möchte sie nun endlich einmal live sehen. Die Strecke dorthin ist zu weit, um mit 70-80 km/h gemütlich an einem Tag anzukommen. So fahren wir erst durch die „Pommersche Seenplatte“, dann auf endlosen Waldstraßen voller Kiefern, durch langgezogene Ortschaften mit eingezäunten, fast verbarrikadiert wirkenden Häusern und Obstbäumen am Straßenrand, bis wir nach 379 km in „Karnienna Kasma“ ankommen. Wir schlagen an einer alten gepflasterter Waldstraße unser Nachtlager auf.

30.05.2013

Heute geht es weiter den Masuren entgegen und zwischendurch wollen wir „Marienburg“ mit ihrer alten Trutzburg besuchen. Noch keine Stunde unterwegs, holpern wir über eine uralte Kopfsteinpflaster-Straße. Dann ein lautes ungewöhnliches Geräusch und plötzlich funktionieren die Bremsen nicht mehr. Glücklicherweise waren wir wegen der Straße sehr langsam unterwegs und gerade auf Höhe einer Ausfahrt zu einer Tankstelle. So Können wir mit Hilfe von Hand- und Motorbremse anhalten, ohne Jemanden zu schaden oder gar einen Auffahr-Unfall zu verursachen.

Die Sonne brennt, kein Fleckchen Schatten, es hat ca. 24-26 Grad. Hubert spricht mit einem Tankstellenmitarbeiter. Der telefoniert wegen Hilfe. Nicht so einfach, denn heute ist ein kirchlicher Feiertag in Polen. Kein Mensch arbeitet, der nicht wirklich muss. Doch dann kommt der zu Hilfe gerufene Mann vorbei. Er spricht etwas Englisch und wieder wird telefoniert. Nach einer Weile fährt er weg. Schließlich taucht eine Stunde später dieser Mann mit zwei weiteren Männern auf, einer davon ist ein Mechaniker. Die Dinge nehmen ihren Lauf und obwohl es Stunden dauert, können wir noch am selben Tag unsere Reise fortsetzen.

In Marienburg schauen wir uns die Burg an. Sie ist so groß (die größte Klinkerburg Europas), dass Führungen bis zu 2 Stunden dauern. Wir wollen das schöne Wetter genießen und draußen bleiben. Deshalb spazieren wir einmal rund herum. Sie ist wirklich riesig und vollkommen aus Klinker-Ziegeln erbaut. Innerhalb des Burggeländes haben wir uns zum Schluss noch Schaschlik und Salat gegönnt.

Weil die Stadt groß und der Parkplatz nicht schön ist, fahren wir weiter Richtung „Oberländerkanal“. Der Kanal „transportiert“ normalerweise auf über 9 km Länge Schiffe über 5 Stufen und eine Höhendifferenz von insgesamt 99,5 m. Er ist schwer in der Landschaft auszumachen. Hubert war da aber schon mal und so finden wir den Kanal schneller als erwartet.

Wir kamen auf Flickstraßen durch wunderschöne Baumalleen – Kastanien, Linden, Ahorn und Wildwuchs – auf urigen Kopfsteinpflaster-Straßen, an großen blühenden Wildwiesen, sowie sattgrünen Getreide- und Rapsfeldern vorbei. Der Raps war noch nicht in voller Blüte und so wirkten die Felder wie grüne Teppiche mit gelben Sommersprossen. In den Orten standen kleine Holzhäuser, meistens orangefarben mit Vorgärten zum Selbstversorgen und vielen schönen Blumen.

Auch eine Backsteinkirche aus dem 14. Jhdt., mit einem hölzernen Glockenturm, haben wir bewundern können, um dann bei „Paslek“ am Kanal nach 121 km Übernachtungsrast einzulegen.

Der Kanal, seit 1809 in Betrieb, ist leider für insgesamt 2 Jahre (noch bis 2014) stillgelegt, da er gründlich saniert werden muss. Die Zahnräder und Ziehstränge sind dabei nach über 100 Jahren noch vollkommen in Schuss, aber die unter Wasser liegenden Steinhalterungen für die Laufrollen der Transport-Schlitten, mit denen die Schiffe über die Stufen gezogen werden, müssen erneuert werden.

31.05.2013

Wir haben die vergangene Nacht an der Kanalstufe verbracht. Die ruhige Lage und offene, saubere Toi-Toiletten haben uns dazu bewogen. Jetzt ging es weiter zu den „Masurischen Seen“. Die Route führt über Mischwald- und Schnellstraßen, durch kleine Orte mit Schrebergärten und jede Menge Störchen, an kleinen Sumpfgebieten mit abgestorbenen Bäumen vorbei. Nach 306 km sind wir endlich da.

Ähnlich wie die dt. Mecklenburger Seenplatte, die Märkische Schweiz und die Pommersche Seenplatte, zeigen sich die Masuren. Der Unterschied, die Seen sind dichter beieinander, touristisch mehr erschlossen und teilweise um Einiges größer.

Am Nachmittag machen wir an einem der Seen Rast. Es hat etwa 24 Grad und noch während wir ein wenig mit Rocky (unserem Hund) spazieren, ziehen Wind und Wolken auf. Ich will mich noch schnell für ein Bedürfnis in die Büsche schlagen, als der Sommerregen auch schon beginnt. Im Nu bin ich von Myriaden an Mücken umgeben, die – ohne Rücksicht auf meine nicht wirklich wehrkräftige Lage – ein halbes Dutzend Mal zustechen, wo sonst keine Sonne hin scheint.

Wir genießen die Regenluft und fahren schließlich weiter Rtg. Litauische Grenze. Dort suchen wir uns irgendwo in der Pampa einen Übernachtungsplatz.

Wir denken viel weniger, als wir wissen.

Wir wissen viel weniger, als wir lieben.

Wir lieben viel weniger, als wir lieben könnten.

Und genau in diesem Maß sind wir viel weniger als das,

was wir eigentlich sind.

(Ronald D. Laing)

 

Durchfahrt durch Litauen

01.06.2013

Heute überfahren wir die Grenze nach Litauenund wollen uns die Inselburg von „Trakai“ anschauen. Auf dem Weg dahin sehen wir, dass die Gärten der Litauer viel viel schöner sind, als ihre gelben oder grünen Häuser aus Holz oder Klinker. Vermutlich sind die Einkommen der Einheimischen nicht so, dass es den Hauserhalt erleichtern würde. Aber sie tun, was sie können und das mit wenigen Mitteln. Trakai hat eine wunderhübsche Altstadt mit vielen alten gepflegten Holzhäusern, kleinen Restaurants und sehr wenigen Parkplätzen.

So nutzen die Städter die Gelegenheit und bieten jeden freien Quadratmeter ihrer Einfahrten oder ihrer Gärten als Parkmöglichkeit an. Gegen Entgelt versteht sich und da wir gar nicht erst Litas getauscht hatten – wir wollen uns ja nicht länger als nötig aufhalten und haben an Speis und Trank genügend dabei – stehen wir vor einem kleinen Problem.

Schließlich entdecke ich einen schattigen kostenfreien Parkplatz leicht unterhalb der Altstadt neben einer Firma und dem Hafen für Sportsegelboote. Problem gelöst. Wie sich vermuten lässt, finden dort regelmäßig Regatten statt. Die Wasser-Strecke war mit Ketten dauerhaft markiert.

Nun wollten wir endlich über eine Brücke auf die Insel zur Burg laufen. Genau wie Marienburg handelt es sich um einen Klinkerbau, nur nicht so groß. Eine schöne und gut restaurierte Anlage, die wirklich sehenswert ist. Auf dem Weg dahin überkommt uns allerdings der kleine Hunger und so suchen wir doch zuerst eine Bank und danach eine Gaststätte auf. Wir wollen eigentlich landestypisch essen, können aber die Aushänge nicht lesen und werden so Gäste eines asiatischen Restaurants mit litauischer Bedienung.

Nach der Besichtigung der Burg fahren wir noch ein Stückchen am Fluss Neris entlang und halten zum Sonnenbad inne. Danach geht es weiter Rtg. Lettland bis „Moletai“, einem Ort mit vielen Seen und zur Übernachtungsrast noch ein Stückchen weiter bis „Kulonis“, etwas abseits der Straße. Dort stehen wir nach 270 km auf einer Anhöhe, können das kleine Tal überblicken und eine riesige futuristische Sternwarte im Abendrot bewundern.

Gerade waren die Rindersteaks in der Pfanne und der Tisch aufgebaut, als ein großer Pulk Litauer und Letten mit ihren Autos, sowie Kind und Kegel auf „unserem“ Parkplatz ankommen, um sich ein paar Meter entfernt zum Abschiedsdinner eines Seminars (haben wir später erfahren), zu versammeln. Also wohl keine Ruhe. Aber weit gefehlt, sie haben bei ihrer Abreise in der Nacht besonders leise gemacht, um uns nicht zu stören.

Während des Essens kommt ein Pärchen an unserem Rastplatz vorbei und verrät uns, dass ganz in der Nähe im Wald ein versteckter See zum Baden einlädt. Also packen wir Handtücher und Bio-Seife, ziehen vorsichtshalber Badesachen unter lange Hosen, Jacke und festen Schuhen (nicht wegen der Temperatur, die lag bei etwa 26 Grad, sondern wegen der Mücken) und laufen in die angewiesene Richtung durch den Wald. Der See ist gut zu finden, wird aber am einzig sichtbaren Bade-Zugang von jugendlichen Zeltlern belagert, die – der Geräuschkulisse nach – schon ein paar Bier zu viel intus hatten.

Hubert hat einen alten maroden Steg, – dem schon einige Querbretter fehlen, der schief stand und nicht wirklich vertrauenserweckend war – entdeckt. Ich wollte endlich einmal baden und wenn ich etwas dolle will, werde ich mutig. Vorsichtig lauf ich an der Seite des Stegs zum Ende rüber, so habe ich die Gewissheit, dass 2 Lagen Holz unter meinen Füßen sind. Dort angekommen steht eine kleine zusammen gezimmerte Bank, die wahrscheinlich noch ab und an von Anglern genutzt wird.

Das Steg-Ende selbst, ist abschüssig und sehr glitschig. Hubert kommt nach und wir entschließen uns seitlich am Steg ins Wasser zu klettern, um nicht auszurutschen. Mein erstes Bad in diesem Jahr unter freiem Himmel. Das Wasser ist kühl, aber doch wärmer, als wir erwartet hatten. Wir schwimmen ein Stück, kletterten wieder heraus und waschen uns schnell mit Bio-Seife, bevor die Mücken einen Angriff starten können. Zurück am Auto verbringen wir erfrischt eine himmlisch zufriedene Nacht in Ruhe.

 

Kurzbesuch in Lettland

02.06.2013

Durch hügelige Wald- und Wiesenlandschaft geht es weiter Richtung Lettland. Vorbei an kleinen Sümpfen und Teichen, die weiter ostwärts – in Russland – wie sich später herausstellte, viel viel größer wurden. In Lettlandselbst ist die Landschaft ähnlich der litauischen, allerdings wilder und teilweise „desolat“. Das fängt bei den Straßen an. Die Häuser sind auch aus Holz oder Ziegeln, aber mit Blechdächern. Sogar viele Hochhäuser sind mit Ziegeln in grau und rot gemauert.

In der ersten größeren Stadt kommt bei mir ein leicht depressives Gefühl auf. Hier könnte ich nicht mehr wohnen. DDR-Zustände, wie zu Wendezeiten 1989 und dann im Anschluss wenig zur Verbesserung getan. Wahrscheinlich fehlen die Mittel.

Das Einzige, was mir besonders gepflegt vorkommt, ist der Soldatenfriedhof aus weißem Marmor und die 3 Kirchen, die in ebenfalls 3 verschieden Stilen erbaut waren. Die Menschen scheinen davon unbeeindruckt und gehen ihrem Tagwerk nach. Das, was ich richtig toll finde: Die Straßenbahn (rot + beige, wie zu DDR-Zeiten) fährt direkt bis in den nahe gelegenen Stadtwald, wo die Einwohner Erholung finden können.

 

Einreise in Russland

Auf unserem Weg Rtg. russische Grenze reisen wir weiter nördlich. Ab „Malta“ wurden sowohl Straßen, als auch städtebaulich alles schöner. An der russischen Grenze angekommen, lässt man uns nach 1 ½ Stunden Papierkram nicht rein, weil Huberts Sohn als Fahrzeughalter in den Papieren eingetragen ist, Hubert aber Fahrzeug und Papiere besitzt und damit durch Russland kutschieren will. Ohne notariell beglaubigte Vollmacht (in Deutsch, Russisch und Englisch), dass er das Auto nutzen darf, soll es kein Weiterkommen für uns geben.

Wie gewonnen, so zerronnen. Man schickt uns zurück und erklärt den Einreisestempel erst mal für annulliert. Unverrichteter Dinge und ziemlich zerstochen (an der Grenzstation wimmelt es von Mücken, Wespen, Bremsen) fahren wir in die nächste größere Stadt zurück: „Rezcekne“. Wir setzten uns mit Huberts Sohn in Verbindung, damit er ein entsprechendes Papier besorgen kann und geben ihm die Adresse eines Hotels, das uns per SMS informieren will, sobald die Papiere angekommen sind.

03.06.2013

Der Notar will sich 3 Tage Zeit lassen und dann noch mal 3 Tage für die Express-Post?! Nein, so viel Zeit möchten wir nicht vertrödeln.

Also setzte Hubert eine Vollmacht auf, packt über Google-Übersetzer den russischen und englischen Text dazu, schickt alles per Mail an seinen Sohn zur Unterschrift und Weiterleitung (inkl. einer Kopie seines Ausweises) an seinen Steuerberater nach Deutschland, der uns helfen soll. Das tut dieser auch. Er beglaubigt mit seinem roten runden Steuerberaterstempel mit Datum und Unterschrift die Vollmacht und Ausweiskopie, übergibt die Dokumente an Huberts Tochter, damit sie uns diese per Post an das Hotel schicken kann. Glücklicherweise schickt er uns davon eine PDF-Datei per Mail.

Der Verwaltungsapparat in Russland nutzt auch runde Stempel und wenn sie dazu noch in Rot Verwendung finden, ist der Aussteller besonders wichtig. Bis zum nächsten Grenzübertritts-Versuch verbringen wir die Wartezeit mit gutem Frühstück in einem modernen Kunstkomplex nahe der Tourist-Information (dort war auch 2 Nächte lang unser Standplatz), beim Baden am Stadt-Fluss, mit Reifen auswuchten und Essen gehen.

04.06.2013

Wir wollen nicht so lange warten, bis die Originalpapiere im Hotel ankommen. Deshalb entscheiden wir uns, die PDF-Datei auf einem Farbdrucker auszudrucken und es damit an der Grenze erneut zu versuchen. Canon war, laut der Mitarbeiter der Tourist-Information, die erste Adresse dafür.

Alle Menschen in Lettland, die wir um Hilfe bitten, sind sehr freundlich und gerne bereit alles möglich zu machen, um unser Fortkommen zu unterstützen. Auf diesem Wege ein großes Dankeschön.

Wenn unser Vorhaben nicht gelingt, müssen wir doch noch auf die Originale per Post warten, aber das sind dann nur 3 statt 6 Tage, wie es beim Notar der Fall wäre. Wir hoffen, dass nicht auffällt, dass es nur Farbausdrucke sind.

11:19 Uhr ist es soweit. Wir stehen wir also wieder vor endlosem Papierkram und ernst blickenden Grenzbeamten. Es hatten andere Beamte Dienst und so wir waren guter Hoffnung. Nach dem Ausfüllen aller Formulare, einer kurzen Kontrolle des Mercedes-Bus (Glücklicherweise ist in den Kisten und Koffern, die sie sehen wollen, nur Wäsche und Konserven. Der Alkohol war darunter verstaut.) und einer Besichtigung von Rocky durch einen Tierarzt, konnten wir Lettland 12:19 Uhr verlassen und „betraten“ um 13:19 Uhr russischen Boden (Moskauer Zeit).

Die erste Zeitzone. Dort müssen wir als Erstes 480 Rubel Straßenmaut löhnen. Die Quittung dafür soll man immer bei sich haben, eine Versicherung wird nicht verlangt. Die Landschaften ähneln wieder denen in Lettland, allerdings fällt sofort auf, dass sehr viel Land unbewirtschaftet bleibt. Die Straßen werden um Einiges breiter. Gute und schlechte Straßenstücke wechselten sich regelmäßig ab.

Gräber sind einzeln mit metallenen oder schmiedeeisernen Zäunen umgeben. Bei jedem Halt werden wir sofort wieder von Fliegen, Mücken und Wespen umlagert. Deshalb sind wir froh, nach insgesamt 335 km bei 28-30 Grad in „Velikij Novgorod“ anzukommen. Der ersten Sehenswürdigkeit auf unserer Wunschliste für Russland. Ein russisches Sprichwort sagt:

„Velikiy Novgorod ist der Vater, Kiew die Mutter

und Moskau das Herz aller altrussischen Städte.“

In der Dämmerung genießen wir milde Temperaturen, die Abendstimmung innerhalb des Kremls (ist eine Mauer um Kirchen und Paläste) und später am Fluss. Die Stadt atmet auf – wir auch. Und so spazieren wir bei immer schöner werdendem Abendrot, nehmen die Gelassenheit der Einwohner auf und stellen fest, dass es nicht wirklich dunkel wurde. Gegen 23:30 Uhr liegen wir in unseren Betten mitten in der Stadt und doch relativ ruhig und es ist immer noch nicht Nacht. Die Nähe zu St. Petersburg mit seinen „Weisen Nächten“ kann man nicht leugnen.

 

Velikij Novgorod

05.06.2013

Nach einer relativ ruhigen Nacht für einen Stellplatz mitten in der Stadt, schauen wir uns den Kreml noch einmal bei Tag an. Vor allem die „Sophienkathedrale“ interessiert uns sehr. Sie wurde um 1045 – 1052 erbaut. Damals war der umgebende Kreml noch aus Holz. Im 14. Jhdt. wurde er dann aus Stein 10 m hoch gemauert und steht so wie damals noch komplett zum Schutz der Kirchen und Klöster am Fluss.

Eine derartige Kirche wie die Sophienkathedrale, haben wir noch nie gesehen. Der Innenraum ist mit vielen einzelnen Altären und vielen Säulen ausgestattet. Ganz anders, als man das sonst von Kirchen gewöhnt ist, gibt es keine große Halle in der viele Menschen in eine Richtung einen Altar anbeten und ihrem Geistlichen zuhören.

Die Säulen sind reich mit Gemälden oder Abbildern von Aposteln und Heiligen versehen. Dazwischen die große Ikonenwand, die immer in der gleichen Reihenfolge gestaltet ist. Jesus zur Rechten, Maria mit dem Kind zur Linken, in der Mitte das Königstor und darüber im Halbbogen das Abendmahl, am Rande lokale wichtige Ikonen. Darüber noch 4 weitere Stufen mit Abbildungen von Erzengeln und Johannes dem Täufer, Propheten, Festtags-Ikonen und Vorvätern bis unter die Kuppel. Diese schließt mit der Golgatha (dem Himmelreich) ab.

Kleine Ikonen, mit Messing oder Silberbeschlägen verziert, liegen unter Glas und dürfen von den Gläubigen geküsst werden, was diese auch nach ihrem Gebet gerne tun. Meist ist es die Jungfrau Maria, deren Fürsprache sie bedürfen, zumindest die Frauen.

In der Stadt ist es sehr heiß, gute 28 – 30 Grad. Trotzdem versuchen wir uns der Bürokratie Russlands ein weiteres Mal zu stellen und uns registrieren zu lassen. Einmal während eines Russlandaufenthalts muss das jeder Reisende tun. Leider sind die Formulare (2-seitig) nur in Russisch und so braucht man definitiv Hilfe. Ein Verschreiben oder gar Durchstreichen wird nicht geduldet, da muss man von vorn anfangen.

Hotels, bei denen man eincheckt, erledigen das über eine Software gleich mit der Anmeldung mit. Doch wir sind als Camper unterwegs und keine zahlenden Gäste. So ist der Versuch in einem Hotel erfolglos. Bei der Post, die das auch erledigen kann, sind wir nach langem Anstehen ebenfalls erfolglos, obwohl uns die Beamtin helfen will, aber ab einem bestimmten Punkt nicht mehr darf.

Was wir uns noch besorgen können, allerdings auch mit Sprachschwierigkeiten und viel Papierkram, ist ein SIM-Karte fürs Handy, um für Notfälle günstiger telefonisch erreichbar zu sein und eine für einen Internet-Stick, den man aber erst frei schalten muss. Das Wie, steht natürlich beim ersten Nutzen nur auf Russisch.

Schließlich fahren wir etwas genervt 147 km weiter in Rtg. Moskau. Bei der Ausfahrt aus der Stadt muss man über eine der beiden Brücken fahren. Da eine wegen Bauarbeiten gesperrt ist, geht der gesamte Verkehr über die andere. Diese ist von dem starken Verkehr, vor allem der LKWs ziemlich geschunden. Deshalb wird sie zwischendurch immer wieder ausgebessert.

Man füllt dazu einfach frisch angerührten Teer in die riesigen Schlaglöcher. Dabei fließt der Verkehr über die ausgebesserten Stellen sofort weiter. Das bedeutet aber, dass die nachfolgenden Fahrzeuge den frischen Teer aus den Löchern wieder heraus schieben und so entstehen riesige Wülste, wie sie auch kein „Ossi“ (Die sind bekanntlich mit Schlaglöchern groß geworden.) je zu Gesicht bekommen hat. Leider habe ich nicht schnell genug den Fotoapparat griffbereit, um dies zu dokumentieren. Mit Schrittgeschwindigkeit und starkem Hin-und-Her/Auf-und-Nieder geht es bei großer Hitze voran.

Endlich können wir wieder „Fahrt aufnehmen“ und bis „Valaday“ reisen. Bei strahlendem Sonnenschein nehmen wir unser zweites Bad auf dieser Reise und genießen einen schönen Sonnenuntergang am See. Wir bleiben über Nacht, waschen uns im See und wollen am nächsten Morgen vor der Weiterfahrt noch einmal Schwimmen gehen.

 

Der Goldene Ring

06.06.2013

Nach der morgendlichen Abkühlung im See, geht es über insgesamt 272 km auf Schnellstraßen weiter Rtg. Moskau bis Vishniy Volochek und ab da über Landstraßen nach Uglitsch. Unserem nächsten großen Ziel und der ersten Station der schönen Städte am „Goldenen Ring“. Der „Goldene Ring“, das sind ehemalige große Fürstentümer, die zu den reichsten Städtchen um Moskau wurden und im 17. Jhdt. ihre Blütezeit erlebten. So konnte sich jede Stadt einen, manche gleich mehrere Kreml mit Kirchen, Palästen und Klöstern leisten.

Die Straßen sind voller Löcher und Wülste, was ein anstrengendes und konzentriertes Fahren nötig macht. Unterwegs müssen wir Tanken und haben dabei unseren Tankdeckel verloren. Hubert hat, aus einem fest mit Stoff und Panzerband umwickelten Flaschendeckel, einen Ersatz gebastelt. Wenn man möchte, gibt es für jedes Problem eine Lösung.

Auf der Route liegen aller 5-10 km kleine Ortschaften zwischen all dem Wald, Urwald und Sumpfgebieten. Es dominieren weise und gelbe Holzhäuser. Ab und an ist auch mal eine bewirtschaftete Fläche oder eine wilde Wiese, die den Blick etwas weiter werden lässt, zu sehen. Durch die Straßenzustände kommen wir nur langsam voran, verschieben Uglitsch auf den nächsten Tag und rasten bei 26 Grad an einer Kirche in „Kashin“ zur Nacht.

Die Russische Seele

Die russische Seele ist ein Kessel, in dem die verschiedensten Zutaten gemischt werden:

die Traurigkeit, der Wahnsinn, der Heroismus, die Schwäche, die Mystik, die Vernunft, die Widersprüchlichkeit, die Rätselhaftigkeit…

Sie können daraus alles Mögliche herausfischen, sogar das, was man am wenigsten erwartet hat…

Wenn Sie nur wüssten, wie tief diese Seele fallen kann!

Wenn Sie nur wüssten, wie sehr sie emporsteigen kann!

Und wie sie von einer Seite zur anderen geschmissen wird!

(franz. Diplomat Ende des 19. Jhdt. – Name unbekannt)

07.06.2013

Jetzt ging es weiter nach „Kaljaschin“ an der noch kleinen Wolga (Klein deshalb, da man das gegenüberliegende Ufer noch sehen kann!) Inmitten des Flusses steht eine Kirche. Ihr Turm schaut Baumhoch heraus und ist natürlich Touristenattraktion für die Wolga-Liner. Im nahegelegenen Kirchenmuseum ist die historische Entwicklung dieses Gebiets gut dargestellt.

Nach der Besichtigung reisen wir weiter nach „Uglitsch“, um endlich dieses Städtchen zu besuchen. Der Kreml ist hier nicht so wuchtig wie in Velikiy Novgorod, hat aber mit der Christi-Verklärungs-Kathedrale auch ein Highlight zu bieten. Die Kathedrale aus dem 17. Jhdt. mit Ikonen aus dem 18. Jhdt. war noch völlig unsaniert Manche Kirchen sind nämlich ziemlich kitschig saniert oder restauriert worden. So konnte man noch die alten Fresken und Ikonen bewundern.

Eine „Aufsichts-Dame“ spricht etwas Deutsch und erklärt uns, dass sie Freunde in Köln hat. Vor Freude wieder einmal Deutsche zu sehen, zeigt sie uns, was sonst Niemand zu sehen bekommt: Während der SU-Zeiten wurde ein weiterer Trakt der Kathedrale einfach mit Putz und Farbe übertüncht. Dies hatte man erst vor kurzem entdeckt und war dabei, vorsichtig den Putz wieder abzulösen. Inzwischen sind schon einige Fresken wieder sichtbar. Unter anderem das Bildnis des Sarges mit Dimitrij, dem 2. Sohn von Ivan dem Schrecklichen (Der eigentlich Ivan der Strenge hieß.). Dieser soll mit 9 Jahren ermordet worden sein.

Ein Jahr vor seiner Geburt hatte aber Ivan der Strenge seinen 1. Sohn – ebenfalls Dimitrij – vor lauter Machtangst erschlagen lassen. Zustände wie im Mittelalter. Wir sind dankbar für die Sonderbesichtigung und verabschieden uns von der freundlichen Aufsichts-Dame, die ihrer Hoffnung Ausdruck verleiht, uns irgendwann wieder zu sehen.

Innerhalb des Kremls gibt es noch weitere Kirchen und historische Gebäude. Das Wichtigste unter ihnen, ist die 1692 errichtete „Dimitrij-Bluts-Kathedrale“. Sie soll genau an der Stelle stehen, wo Dimitrij beim Spielen vor dem fürstlichen Palastensemble sterben musste.

Auf unserer Weiterfahrt machen wir noch Halt in „Borsoglebsky“. Hubert ist im vergangenen Jahr dort zufällig durchgekommen und will mir den uralten Kreml mit seinen Kirchen nicht vorenthalten. Als wenn die Zeit stehen geblieben wäre, ist dieses Kleinod unberührt geblieben und wird weiterhin von Mönchen, Popen und Bürgern genutzt.

Zurück am Auto, sprechen uns 2 Russen auf unseren witzigen Tankdeckel-Ersatz an. Der Eine fährt den gleichen Mercedes-Bus wie wir und bedeutete uns, dass der Tankdeckel eines alten Wolga’s als Ersatz passt, denn er nutze auch so einen. Und das Gute daran ist, dass dieser abschließbar ist und so weder geklaut noch verloren gehen kann, wenn der Tankschlüssel am Zündschlüssel befestigt ist. Für 6 deutsche Bier, eine kleine Flasche Wodka und einen Handkuss wechselt der Deckel samt Schlüssel seinen Besitzer.

Noch zwei Fotos und alle sind glücklich. Wir fahren noch das restliche Stück nach „Rostov“, dem 2. Städtchen des „Goldenen Rings“ auf unserer Besichtigungstour, zur Übernachtungsrast. Nach insgesamt 220 km kommen wir bei angenehmen 22-24 Grad an.

Hier geht es weiter zum Reisetagebuch – Teil II:

Reisetagebuch – Teil II

Du willst auch mal eine ähnliche Reise planen und brauchst dazu ein wenig mehr Selbstvertrauen oder willst aus Deinem Wunsch ein Ziel machen, dann hol Dir auf diesen beiden Themenseiten Tipps dazu:

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