Reisetagebuch Teil III

Obst- und Gemüsemarkt
Sonnenuntergang
Ob in Novosibirsk
Fluss mit Hochwasser
Kaffee
Hängebrücke
Gefangen von Büschen im Altay
Befreit aus der Umklammerung der Büsche
Gipfeltour im Altay-Gebirge
Goldene Gipfel des Altai-Gebirges
Lenin kurz vor der mongolischen Grenze
Standplatz Mongolei
Geröllpiste
Sandwüste im nördlichen Teil der Geröllwüste
Oase mitten in der Geröllwüste

Eurasien – 10.000 km ostwärts

Die Reise durch das Altai-Gebirge

18.06.2013

Die Nacht war himmlisch. Kein Summen, kein Stören, kühler angenehmer durchgängiger Schlaf. Total erholsam. Und beim Toilettengang im Grünen keine Stiche. Besser geht’s nicht. Die Dutzenden von Mückenstichen an Armen, Beinen, Fesseln, Rücken und Nacken von gestern Nacht, jucken wie Teufel. Die Russen kennen viele natürliche Heilmittel und Kräuter gegen alles Mögliche, aber gegen Mücken scheint kein Kraut gewachsen.

  • So soll man gegen Erkältung 50 g Wodka mit Pfeffer oder Hagebuttensud trinken.
  • Gegen Husten und Heiserkeit soll das Einatmen des Dampfes von gekochten Kartoffeln odereingedickter Zwiebel-Zuckersaft zum Trinken helfen (Letzteres kenn ich auch.)
  • Getrocknete Aprikosen oder Walnüsse mit Honig sollen die Abwehrkräfte stärken.
  • Ja und gegen Fieber einfach ein Kohlblatt auf den Kopf legen oder die Füße in ein Senfbad stecken oder mit Himbeermarmelade Brust und Rücken einreiben, kalte Wickel umbinden und ins Bett legen.

Die Sache mit dem Wodka hat gewirkt, die mit dem Kohlblatt werde ich mal ausprobieren. Nach dem Frühstück geht’s zurück zur Fernverkehrsstraße nach Novosibirsk. Noch 600 km, stand auf einem Straßenschild zu lesen. Mal sehen wie weit wir kommen und was wir noch erleben.

Irgendwo in einem wie ein Park wirkendes Gelände (da hier die Birken hochstämmig waren, dichter standen, die Wiesen bunt und nicht so hoch waren, schien es gepflegt und nicht wie Wildwuchs) legten wir einen Zwischenstopp zum Mittagessen ein. Hubert vermutet, dass es hier öfter brennt. Die großen Birken stecken das locker weg. Das „kleine Gemüse“ überlebte so etwas nicht und so fängt die Natur immer wieder von vorn an. Deshalb sind die Wiesen auch nicht so fett, aber voller schöner Blumen, Wilderdbeeren und zartem, weisem Mohn. Der Himmel bleibt den ganzen Tag verhangen und bewölkt, es wird gar nicht richtig hell.

Noch 350 km bis Novosibirsk und mitten an der Straße (wie schon so oft) wieder eine Haltestelle im Nirgendwo, bei der man sich fragt, wo hier die Leute herkommen sollen, die da in den Bus einsteigen. Die Busse sind übrigens Kleinbusse, aber doch um Einiges größer als der Dolmus in südlichen Ländern. Diese Haltestelle hatte aber etwas Besonderes: Mehrere Frauen standen vermummt (wegen der Mücken) davor und verkauften ihre Pilze. Rotkappen und Birkenpilze boten sie in kleinen Plastikeimern (ca. 2 kg) für 250 Rubel (6,95 €) an. Wir nahmen einen Eimer voll, ließen aber 2 große Birkenpilze zurück. Da schmecken nur die kleinen und zu zweit können wir diese Menge Pilze gar nicht bewältigen. Auf jeden Fall freuen wir uns schon auf unser außergewöhnliches Abendessen. Die Straßen waren hier viel besser und gut markiert, die Ratsplätze sauberer, man sah nicht so häufig Müllberge oder überhaupt Müll herum liegen. 135 km vor Novosibirsk, haben wir bei Chulym, neben einer Tankstelle unser Nachtlager aufgeschlagen. Das ist sonst nicht unsere Art. Wir bevorzugen eher Ruhe und schöne Umgebung, aber hier muss es tagelang geregnet haben. Denn alles trieft vor Nässe. Die von der Fernverkehrsstraße abzweigenden Straßen bestehen aus wadentiefem Matsch. Nur unter dem Vordach der Tankstelle stehen wir trocken und relativ ruhig. Es hat nur noch etwa 18 Grad.

Das größte Glück für einen Menschen ist es, wahrgenommen,
berührt, gespürt und geliebt zu werden.

(Skeels und andere)

19.06.2013

In der Nacht hat es weiter geregnet. Der Zustand der Straßen ist natürlich nicht besser geworden. Da wirken die alten und heruntergekommenen Orte dieser Gegend gleich noch trostloser und drücken aufs Gemüt. Uns zieht es „so was von weg hier“, dass wir nicht mal einen Tee oder Kaffee zu uns nehmen, sondern das Frühstück auf später verschieben und gleich weiterfahren. Etwas außerhalb holen wir das nach.

Gestern haben wir bereits die 4. Zeitzone passiert. An der russischen Grenze hatten wir schon Moskauer Zeit, bei der es grundsätzlich 1 Stunde später ist, als in Deutschland, Polen, Litauen und Lettland. Hinzu kommt aber noch die Stunde Differenz, die wir in Deutschland wegen der Sommerzeit haben, d. h. schon an der Grenze war es 2 Stunden später. Bei Kazan, Chelyabinsk und jetzt „kurz“ vor Novosibirsk, ist jeweils eine weitere Stunde hinzugekommen. Jetzt ist es hier 11:24 Uhr am Mittag und in Deutschland hat es erst 06:24 Uhr morgens.

Gegen Osten wird es heller. Das lässt die Stimmung ein wenig besser werden. Novosibirsk wird uns schon in seinen Bann ziehen. Wir haben erst kürzlich gelesen, dass die große Hauptstraße in der Innenstadt dort 10 km lang ist, und das vor allem große Plätze und breite Straßen diese Stadt ausmachen. Hier steht auch das größte Opernhaus Eurasiens mit 65.000 qm Nutzfläche. „Novosibirsk“ besteht erst seit 1893 und hieß damals Novonikolajewsk nach dem damaligen Zaren. Da wurde für die Transsibirische Eisenbahn (TRANSSIB) an dieser Stelle eine Brücke über den Ob erbaut und schon siedelten sich Menschen an. Mittlerweile ist es eine Millionenstadt und DAS Kultur-, Industrie- und Handelszentrum in Sibirien überhaupt.  Der Ob ist einer der größten Flüsse in Sibirien. Den anderen – die Irtisch – hatten wir schon bei Omsk überquert. Zu den 2 allergrößten Flüssen kommen wir gar nicht. Das ist die Lena, viel weiter nordöstlich bei Jakutsk und der Amur ganz im Osten von Russland. Von da aus kann man schon fast Japan „sehen“. Wie riesig dieses eine Land ist!  Zwar besteht es aus einigen, wie wir sagen würden, „Bundesländern“ und einigen unabhängigen Staaten, die aber alle in der Russischen Föderation unter einer obersten Regierung vereint geblieben sind. Es muss schwer sein, so ein riesiges Land zu regieren.

Bis Novosibirsk fahren wir neben der Hauptstrecke der Transsib her. „Unsere“ Straße ist die Einzige, die überhaupt in diese Richtung führt und geteert ist. Zu den Ortschaften führen nur Pisten, Wald- und Wiesenwege, die bei Regen furchig, rutschig und teilweise unpassierbar sind, wenn man kein Allradfahrzeug hat. Nach Novosibirsk werden wir uns nach Süd-Osten Rtg. Barnaul bis zur Mongolei wenden.  Die Fernverkehrsstraße Rtg. Barnaul wird nur durch die äußeren Stadtgebiete von Novosibirsk geleitet, sodass wir von den Plätzen und Prachtstraßen gar nichts sehen. Doch angesichts des Staus der in die Stadt hineinführt und an dem wir 17 km entgegengesetzt entlangfahren, sind wir dankbar für diese Straßenführung. Irgendwann kommen wir dann endlich auf die Brücke über den Ob. Wir hatten schon befürchtet, dass wir sie irgendwie verpasst haben könnten und bereits außerhalb der Stadt sind. Aber weit gefehlt, da fing die Stadt noch einmal an. Ihre Ausdehnungen sind riesig. Hier gibt es einfach genug Fläche, damit braucht man also nicht sparsam umgehen. Die Neubauten haben alle einen schmalen Park vor der Haustür und die Hochhäuser in der Ferne wirken, als hätte man sie mitten in den Wald gebaut. Aber alles gehört noch zur Stadt. Wir fahren jetzt schon 1 ½ Stunden durch die Stadtrandgebiete. Jetzt packt uns der Hunger, aber gewaltig. Direkt auf der Brücke, die ebenfalls endlos scheint, halten wir an. Hubert brät die 2. Ladung Pilze. Die verspeisen wir dann auf der Brüstung mit Blick auf den breiten Fluss.

Auf unserer Weiterfahrt halten wir noch bei einem Produkty-Laden und decken uns mit ein paar Lebensmitteln ein. Vor allem Brot, Gemüse, Obst sowie Mineralwasser und Bier brauchen wir regelmäßig. Alles andere haben wir reichlich im Vorrat. Nach 285 km halten wir bei „Talmenka“ am Fluss Chumysh. Bei 26 Grad können wir es gar nicht fassen, dass wir noch ein Bad und die Abendsonne genießen können, wo wir doch heute Morgen noch bei Schlamm, Regen und dunklem Himmel von unserem Rastplatz gestartet sind. Wir können sogar draußen essen und uns im Fluss waschen, wie ein Ganzkörperbad – welch Wohltat. Der Fluss hat auch eine starke Strömung, doch man kann am Rand gegen ihn anschwimmen und wird nicht abgetrieben.

Übrigens: Heute ist der 24. Tag für mich, genau die Mitte, also Bergfest.

20.06.2013

Wir haben beschlossen unsere längst überfällige Auszeit, zumindest für einen vollen Tag, hier am Fluss einzulegen. Das Wetter ist gut, 26 – 28 Grad, wir können wieder baden, ein 2. Mal Wäsche waschen, Hubert kann die fälligen Kleinigkeiten am Mercedes ausführen und die letzte Pilz-Mahlzeit (Pilz-Omelett…lecker..!) lockt. Die Ruhe ist himmlisch, wir sind ganz allein auf dieser Uferseite, da man nur mit einem Allrad-Fahrzeug hier herüberkommt. Der Tag ist entspannt und wird heiß. Mittags legen wir uns für eine „15“ ins Auto, da es dort angenehm luftig und schattig ist. Aus der „15“ werden fast 2 Stunden Schlaf.

Ein erfrischendes Bad, eine Tasse Tee bzw. Kaffee und wir sind wieder unter den Lebenden. Von ca. 18:00 – 23:00 Uhr haben die Mücken ihre Hauptangriffszeit, da werden sie richtig aggressiv. Wir wollen noch etwas draußen sitzen und den Abend bei einem guten Wein genießen, deshalb macht Hubert ein kleines Lagerfeuer und lässt es ein bisschen rauchen. Viel trockenes Holz ist nicht zu finden, aber bis 21:30 Uhr hält das Feuer durch. Zwischendurch versuch ich mich als Frisörin. Jetzt sieht Hubert wieder wie ein Mensch aus und ist mit meiner Arbeit ganz zufrieden. Den Abend verbringen wir mit Lesen.

21.06.2013

Hubert zieht es endgültig in die Berge. „Ab da“, sagt er: „fängt mein Urlaub erst an. Bis dahin war alles nur Anreise!“. Und so machen wir uns heute bei kühleren Temperaturen und teilweise Nieselregen auf nach „Gorno Altaysk“. Wir hoffen, dass es zwischen dieser Stadt und der mongolischen Grenze möglich ist, mal in ein Tal zu fahren und ein paar Touren zu wandern. Die Berge sind im russischen Altai zwischen 2000 – 4500 m hoch. In der Mongolei sind dann fast alle Berge des Altai zwischen 3000 – 4000 m hoch. Von Gorno Altaysk aus bleiben uns noch 7 Tage für gute 600 km (reine Fernverkehrsstraße) durch bergisches Gelände und den geplanten Abstecher mit Wandertouren übrig. Wir liegen also gut in der Zeit.

An einem großen Straßenmarkt treffen wir unterwegs Deutsche, die hier hergeflogen sind und jetzt mit 2 Jeeps für 7 Leute ins Altay fahren, um dort zu wandern. Und ausgerechnet heute soll es noch heftig regnen. Wir haben uns auf dem Markt wieder mit Platt-/Weinberg-Pfirsichen, Kirschen, Paranüssen und eingelegten Gurken eingedeckt. In „Mayma“ finden wir dann noch den 3 m langen Gartenschlauch zum Umfüllen des Diesels aus dem Ersatz- in den Haupttank, da die eingebaute Automatik nicht mehr funktioniert. Wir decken uns noch einmal mit Mückenspray ein. Auch in der Mongolei soll es viele Mücken geben, die sogar durch Jeansstoff durchstechen. Eine Beeline-Station (Handy-Anbieter) finden wir auch und so ist auch unser Internet-Problem endlich gelöst.

Von der Hauptstrecke fahren wir bei „Ust Semal“ in ein, wie wir hoffen ruhiges, Seitental ab. Wir wollen Abendessen gehen, da ja „ab heute der Urlaub beginnt“ und einen Stellplatz für die Nacht suchen. Das Tal erweist sich für hiesige Verhältnisse als touristisch „erschlossen“. Das erstaunt uns. Das tolle daran ist, dass wir ein superschönes und uriges Kaffee entdecken. Ein Kaffee hierzulande ist ein Ort, an dem man etwas essen (Gegrilltes, Suppen, Nudeln, Kartoffeln, Salat und Plinies) sowie Bier und allerlei Schnäpse trinken kann, natürlich aber auch Tee und Kaffee bekommt. Wir haben bis jetzt immer gut gegessen, wenn wir essen waren, doch so viel für diesen Preis und so gut, haben wir lange nicht gespeist.

Wir entschließen uns noch einmal ein Stück zurück zu fahren, um beim Zusammenfluss von Chemal und Katun bei „Uznezya“ einen Übernachtungsplatz im Wald aufzusuchen. Die Flüsse haben Hochwasser und reißen alles mit, was sie bekommen können. Ständig sieht man Baumstämme rasend schnell den Fluss hinabstürzen. Die Ufer stehen teilweise soweit unter Wasser, dass die Rafting-Anlegestellen nicht mehr erreichbar sind und bis zu halber Mannshöhe unter Wasser liegen. Ein Hotel auf einer kleinen Halbinsel mit Anhöhe hat keine Verbindung zum Ufer mehr. Um uns rauscht es, wie 100 Sturzbäche, von der Straße hört man so gar nichts mehr.

22.06.2013

Heute sind die Wolken etwas höher, die Berge aber noch nicht ganz frei. Es hat die Nacht weiter geregnet und wir stellen fest, dass der Fluss weiter angestiegen ist. Wir fahren wieder aus dem Seitental heraus auf die Fernverbindung. Die Straße ist weniger befahren, als das Tal. Wir wenden uns wieder Rtg. Mongolei und wollen uns unterwegs einen Platz zum Wandern und Mittag suchen. Von einem Hügel an der Straße aus, entdecken wir eine schöne Wiese an einem kleineren Fluss, wo schon ein paar Leute campen. Also fahren wir vorsichtig den schlammigen Weg hinunter.

Es ist steil. Der Weg geht quer zum Hang. Und schon passiert es. Die Räder sind in Null-Komma-Nix mit Schlamm ausgefüllt und rutschen wie in Zeitlupe. Dann wird’s gefährlich, das Heck bricht links aus und wir schlittern seitlich. Links geht es aber steil den Hang hinunter. Hubert versucht dagegen zu steuern. Da es ihm nicht so gelingt, dass er sicher sein kann uns auf dem Weg zu halten und wir uns auch nicht überschlagen, entschließt er sich, hart links einzuschlagen und geradewegs frontal und mit „Schuss“ den Hang hinunter zu brettern. Alles geht rasend schnell und schon sind wir unten. Das ist gerade noch einmal gut gegangen. Ich bin froh, dass Hubert die Nerven behalten hat. Aber wie kommen wir wieder hoch?

Wir halten am Fluss und erkunden zu Fuß die Gegend, ob es irgendwie anderweitig aus dem Tal herausgeht. Die einzig andere Möglichkeit ist über eine Brücke auf die andere Seite zu kommen und dann über genauso rutschige Straßen, bis zum nächsten Dorf und zur nächsten Brücke zu fahren. Wenig erfreuliche Aussichten. Hubert schaut sich den glitschigen Weg noch einmal an. Etwas weiter daneben geht ein noch viel steilerer, aber wegen seiner Kieseldecke offensichtlich trockenerer Weg den Hang gerade hinauf. Dort will er es versuchen. Die Luft ist drückend schwül, ein weiterer Regen steht an. Das würde alles noch weiter verschlimmern. So mit unseren Gedanken beschäftigt, finden wir keine Ruhe zum Essen. Erst mal hier wieder rauf, dann sehen wir weiter. Und so starten wir mit Gelände-Allrad und eingelegter Differenzialsperre. Dieser Weg erweist sich als perfekt für dieses Auto und so erreichen wir beim ersten Versuch die Straße. Die Welt hat uns wieder!

Wir fahren weiter die Fernverkehrsstraße und halten neben einer kleinen Pferdeherde an einem Bach, direkt neben der Straße. Warum neben der Straße? Weil dort netterweise Jemand eine gezimmerte Sitzgruppe mit Tisch und Bänken aufgestellt hat. Bei einem guten Essen und Bier – das haben wir uns heute redlich verdient – machen wir Rast.

Weiter geht’s. Immer noch in der Hoffnung einen Blick auf die großen Berge zu erhalten, wenn sich die Wolken endlich ganz zurückziehen. Schließlich geht es Richtung „Semensky“-Pass. Je höher wir kommen, desto nebeliger wird es. Die Sichtweise ist teilweise unter 30 m und die Autos die uns entgegenkommen, fahren alle mit Licht, Nebelscheinwerfer (sofern vorhanden) und Warnblink-Anlage. So tun wir das auch. Oben auf dem Pass angekommen, herrscht dickste „Suppenküche“. Es hat total abgekühlt und wir sind überrascht, dass hier trotz der widrigen Wetterbedingungen Verkaufsstände zu finden sind. Es gibt den üblichen Kram: ein paar praktische Dinge, Honig, aber auch Andenken und Spittel. Wir halten nicht an, wollen weiter bis „Ongoday“ und finden kurz danach einen Übernachtungsplatz unweit der Straße und oberhalb eines Flusses. Wir stehen in Blickrichtung Fluss und haben eine Felswand genau gegenüber. In der Nacht ist Vollmond, ein großer weiser Vollmond. Er strahlt über unser Heck direkt auf die Felswand gegenüber und beleuchtete für mehrere Stunden unseren Standplatz.

Erlebnis im Altai – Soll hier unserer Reise etwa schon zu Ende sein?

23.06.2013

Als wir nach dem Frühstück aufbrechen wollen, ist Rocky (unsere Hündin) verschwunden. Sie war die letzten Tage schon mal ausgebüchst, doch auf Huberts Pfeifen hin, kam sie aus der Ferne angetrabt. Doch heute kam sie nicht. Erst liefen wir von unserer Raststelle aus in beide Richtungen, fanden sie aber nicht. Dann fuhren wir mit dem Mercedes erst in die eine, dann in die andere Richtung, um ein größeres Gebiet abzudecken. Schließlich beschlossen wir an unseren Stellplatz zurück zu kehren und zu warten, in der Hoffnung, dass ihr nichts passiert ist. Denn über unserem Gebiet kreiste ein Adler (es kann nur ein Adler gewesen sein – er war riesig) Der Fluss brachte auch noch Gefahren mit sich. Rocky hätte beim Trinken abgerutscht sein können o. ä. Andere Hunde, zu denen sie gegangen sein könnte, fanden wir nicht in der Nähe.

Gerade als wir zu unserem Stellplatz zurück aufbrechen wollten, kam sie hechelnd aus dem Gestrüpp vom Flussufer gerannt. Sichtlich erfreut, dass sie uns gefunden hatte. Hubert hat erst mit ihr geschimpft und sie dann ein-zwei Stunden keines Blickes gewürdigt. Seitdem lief sie immer nur auf Sichtweite von uns weg. Das sollte aber nicht das einzige Abenteuer für diesen Tag bleiben. Wir kamen heute entlang der Fernstraße durch ein wunderschönes Tal auf einer Hochebene – den „Chuysky Trakt“. Die Kraft des Wassers, riesige Felsmassive, freilaufende Tierherden über eine endlose Alm verteilt und ab und zu ein Bauernhof, konnten wir bewundern.

Nach „Yaloman“ wollten wir ein Seitental erkunden und in Rtg. der „Golden Mountains of Altay“ – wie hier die höchsten und schneebedeckten Berge des Altai genannt werden – fahren. Zuerst ging es mit dem Auto eine Hangstraße hinunter und dann über eine Hängebrücke über einen reißenden Fluss und auf der anderen Seite den Hang wieder hinauf. Da der „Katun“, wie alle Flüsse momentan, Hochwasser hatte, war uns schon ein wenig mulmig zumute. Doch es ging besser als gedacht. Dann mussten wir eine Schlucht passieren, in der sich die Piste an den Felsen schmiegt und kein Auto entgegenkommen durfte. Nur ab und an war eine Möglichkeit etwas seitlich auszuweichen. Die meiste Zeit ging es steil abwärts in die Tiefe zum Fluss. Nach der Schlucht hielten wir uns links, denn wir wollten eine Piste der Einheimischen durch dieses noch höher gelegene Tal durchfahren, um dann viel weiter östlich wieder auf die Fernstraße zu kommen. So waren wir den weisen Gipfeln noch näher und vollkommen allein. Außerdem wollten wir eine Bergtour unternehmen. Die Ruhe war unbeschreiblich schön.

Da Pisten immer durchs Gelände gehen, kommt man nur langsam voran. Unterwegs trafen wir ein russisches Pärchen aus der Umgebung mit einem Jeep, die wie wir zum Wandern und erkunden unterwegs waren, uns aber verständlich machten, dass es nach allen Seiten nicht sehr weit voran geht, weil überall wegen beginnendem Grenzgebiet gesperrt sei. Wir dankten, verabschiedeten uns und wollten trotzdem hier oben bleiben. Schon des Blickes wegen. Deshalb suchten wir einen Platz zum Rasten. Eigentlich hatten wir ihn schon gefunden, doch ein nur leicht befahrenes Pistenstück ging zwischen dichten, übermannsgroßen und starken Büschen immer weiter nach oben. Hubert fuhr da hoch. Oben ging es allerdings nicht weiter. Also wieder retour. Das Risiko zu wenden und damit wieder schräg zum Hang zu stehen, wollte er seit den Schrecksekunden von Gestern nicht eingehen. Noch bevor ich aussteigen konnte, um ihn einzuweisen, entschloss er sich den Weg rückwärts hinunter zu fahren.

Dann ging wieder alles rasend schnell: Die Büsche klappten den Seitenspiegel ein, sodass Hubert auf der Fahrerseite nicht mehr nach hinten sehen konnte. So sah er nicht, dass der Weg eine leichte Kurve machte und schon staken wir mitten in kräftigen hohen Büschen fest. Weil das linke Hinterrad saß sehr tief unten eingeklemmt war, bekam das rechte Vorderrad keinen Bodenkontakt. Und nur mit einem Antriebsrad – dem rechten Hinterrad – konnte sich der Mercedes mit seinen über 3 Tonnen nicht aus dieser misslichen Lage befreien. Jeder Versuch scheiterte. Es war kurz vor 16:00 Uhr und die Lage verzwickt.

Jetzt war Muskelkraft von Nöten. Als Erstes versuchte Hubert die sperrigen und umgefahrenen Büsche um und unter dem Auto mit einer Axt zu entfernen. Die Stämme waren zäher und fester, als man von Büschen annehmen sollte. Sie liegen lassen ging aber auch nicht, darauf rutschten die Räder auch nur herum und fanden keinen Halt. Außerdem hatten sie sich zum Teil am Unterboden verhakt. Ich lief inzwischen mindestens an die 10-mal den Hang nach oben, da nur dort Steine zu finden waren. Die wollten wir unter den Rädern platzieren, damit die Räder wieder Griff bekamen und wir uns wieder befreien konnten. Das war unsere einzige Chance. Im Anschluss kamen zwei Wagenheber zum Einsatz. Jedes Rad wurde so hoch wie möglich aus dem Dreck, dem Gras und den Büschen angehoben, wie es nur ging. Dann legten wir die Steine unter. Die ganze Zeit piekten uns dabei schwarze Riesen-Ameisen, wo sie nur konnten. Zum Schluss entfernten wir auf eine Länge von ca. 0,5 – 1 m noch den Grasbewuchs vor jedem Rad, damit der Mercedes auch wieder auf die Fahrspur kommen konnte. Nach 4 Stunden und mehreren missglückten Versuchen, ist es so weit: Mit den Kräften völlig am Ende, wollen wir einen allerletzten Versuch starten. Ansonsten müssen wir in Schräglage auf unseren Sitzen schlafen und am nächsten Tag gute 20 km zurücklaufen, um Hilfe zu suchen. Wenn wir denn zu Fuß soweit kamen und die Leute auch einen starken Traktor o. ä. besaßen, um uns bergan heraus zu ziehen. Schon das machte uns skeptisch.

Von meinen stillen Stoßgebeten begleitet, startete Hubert ein letztes Mal den Motor. Er gab Vollgas und ließ die Kupplung kommen. Endlich, das Auto bewegte sich und kam Zentimeter für Zentimeter voran. Man konnte den Willen und die Kraftanstrengung des Fahrzeugs förmlich spüren. Nach etwa 1 m „verreckt“ der Motor, das Auto rollte ein Stück zurück, doch Hubert konnte es trotz schmierigem Gelände zum Stehen bringen. Dann noch ein Start und noch ein Meter und: Gott-sei-Dank endlich geschafft. Befreit atmeten wir auf.

Total erschöpft konnten wir uns noch gar nicht richtig freuen, verstauten das Werkzeug im Auto und wollten nur noch den Rest des Hanges nach unten auf die schöne Hochebene zurück. Dieses Mal fuhr Hubert mit meiner Einweisung, um kein weiteres Risiko einzugehen. Dann konnte er schließlich wenden. Ich stieg ein und wir rollten auf die Wiese hinunter. Diese wurde unser Übernachtungsstellplatz. Ein Schnaps zum Feiern, dass wir diese knifflige Situation überstanden hatten, war jetzt definitiv nötig. Obwohl wir todmüde waren, schliefen wir diese Nacht sehr unruhig und waren immer wieder wach. Denn im Laufe der Zeit wurde uns Beiden glasklar, dass hier unsere Reise hätte zu Ende sein können. Welch ein Glück wir doch hatten!

24.06.2013

Die ganze Nacht blies ein heftiger Wind, doch der Morgen weckte uns mit Sonnenstrahlen. Wir frühstückten draußen. Danach kontrollierte Hubert das gesamte Fahrzeug. Er konnte keine Mängel feststellen, außer das der Auspuff sich gelockert hatte. Nachdem wir uns etwas erholt hatten, beschlossen wir einen kleineren Berg zu besteigen, um von weiter oben die Schneegipfel besser sehen zu können und so brachen wir am späten Vormittag auf. Hier gibt es keine Bergpfade wie in den Alpen. Hier geht’s durch Gestrüpp, über Steine und Felsvorsprünge und über Blumenwiesen. Wir hatten das Glück einen Tierpfad zu entdecken, was uns den Aufstieg über einen großen Teil der Strecke erleichterte. Doch den Rest mussten wir durch unberührte Natur steigen. Wir legten gute 600-700 Höhenmeter zurück, denn der erste Hügel, war nicht der Gipfel. Dann waren wir oben. Wir hatten einen herrlichen Blick auf die weisen Gipfel des Altai bis in die Mongolei hinein und wir sahen, wie sich zwei große Flüsse zu dem vereinten, der durch unsere Hochebene floss – der „Katun“.

Was uns etwas verwirrte, der Höhe wegen: Jeder direkt umliegende Berg sollte laut Kartenangabe zwischen 2500 – 2800 m hoch sein, war aber bis zum Gipfel mit Bäumen bewachsen, nicht dicht bewachsen, aber doch bis obenhin. Und wenn es nur eine Reihe Fichten auf dem Grad war. Auch „unserer“. Hier standen noch ganz oben einzelne Birken, Kiefern und Lärchen. Was wir besonders schön fanden: Hier oben war der Bewuchs so gemischt und bunt. Je höher wir gewandert waren, desto vielfältiger wurde es. So viele verschiedenen Blumen, Gräser, Flechten, Bodendecker und Sträucher – unglaublich in dieser Höhe. Wir haben Thymian, Beifuß, Raps, Bartnelken, Butterblumen, Dotterblumen, Katzenminze, Malven, eine Art Orchidee (was auch ein besonders schönes Altai-Veilchen – statt Alpen-Veilchen – sein könnte), sogar eine Mohnart, die wie unsere Pusteblumen eine flauschige Blüte hat, eine Art Hagebutten-Strauch und ca. 50 m unter dem Gipfel sogar einen wilden Rhabarber entdeckt. Klein, aber eindeutig ein Rhabarber. Unterwegs gab es auch weniger schöne Pflanzen, wie Ginster, Hagebutte und Dornenbüsche, die uns die Beine zerkratzten und diese unbändigen Büsche, in denen wir gestern noch feststeckten. Eines durfte man hier allerdings nicht, wie ich auf den letzten Metern zum Auto feststellen musste: Barfuß gehen! Ich hatte die Schuhe ausgezogen und ging das letzte Stück in Socken, da wir ja nur noch Wiese vor uns hatten. Doch die Wiese hatte Tücken. Einige der Gräser und Bodendecker hatten Stacheln. Die zwischen den Zehen oder in der Ferse steckenblieben – eine schmerzliche Erfahrung.

Wieder zum Auto zurückgekehrt, verlagerten wir unseren Rastplatz eine Ebene tiefer an den Fluss. Wie wir in der Karte dann feststellten, war unsere Hochebene etwa auf 1500 m plus die 600 – 700 Höhenmeter unserer Bergtour. Wir mussten also auf ca. 2.100 – 2.200 m gewesen sein. Übrigens als Erste! Hubert hat auf dem Gipfel, wie sich das bei einer Erstbegehung gehört, ein Steinmännchen errichtet.

Während ich uns am Fluss Essen kochte, sammelte Hubert mehrere runde und ovale Steine mit denen wir später noch Boggia spielten. Den Abend ließen wir mit Rommé ausklingen.

Unsere wahre Aufgabe ist es, glücklich zu sein.

(Dalai Lama)

25.06.2013

Heute haben wir eine Wanderung am „Katun“ entlang unternommen. Wir wollten unbedingt aus der Nähe betrachten, was wir gestern schon vom Gipfel ausgesehen hatten: den Zusammenfluss des „Katun“ mit dem „Argut“. Es war ein schöner Weg immer zwischen Fluss und schroffen Felsen entlang. Nach gut 1,5 Stunden hatten wir unser Ziel erreicht. Dort trafen zwei große Flüsse mit voller Wucht aufeinander und bildeten unter mächtigem Getöse einen noch größeren Fluss. Die ganze Zeit hatte uns das Rauschen der Fluten und der sich auftürmenden Gewalten begleitet, die sich durch das für diese Menge Wasser viel zu enge Flussbett zwängten, schubsten und stießen. Ein irres Naturschauspiel, was tief beeindruckt aber auch einen Mords-Respekt einflößt. Nachdem wir zurückgewandert waren, gab es Mittag und wir ruhten uns ein bisschen aus. Nach einem Kaffee bzw. Tee packten wir zusammen und brachen auf, dieses schöne Tal zu verlassen. Wir fuhren die gleiche Strecke zurück, doch jetzt bei Sonnenschein und einem Super-Bergblick. Da wurde uns noch einmal bewusst, wie idyllisch und friedvoll diese Gegend hier ist.

Eine reichliche Stunde brauchten wir für etwa 30 km. Hinzu hatten wir 2 Stunden gebraucht, da ich viele Fotos, vor allem von den Tieren geschossen habe und Hubert deshalb oft anhalten musste. Auf der Fernstraße angekommen, fuhren wir ca. 60 km. Wir hatten Heißhunger auf Fleisch und den ganzen Weg träumten wir davon, dass es schön wäre, wenn jetzt ein Imbiss, Kaffee oder Grill am Straßenrand zu finden wäre, was für diese Gegend vollkommen untypisch ist. Und da war er. Ein „Schaschlik“ (also ein Grill-Imbiss), an dem es etwas Kräftiges zu essen gab. Der kleine Imbiss entpuppte sich als besonders gut ausgestattet. So hatte er einen schönen Innenraum, eine Terrasse mit Sonnenschutz-Dach, davor einen Springbrunnen aus dem reines Quellwasser sprudelte (mit dem wir 2 unserer Kanister füllten). Das Tollste aber war, dass die Schaschliks groß und aus zartem Lammfleisch waren. Sie kosteten jeweils nur 150 Rubel (= 4,17 €).  Dazu reichte man uns Salat, Brot und eingelegte Zwiebeln und unsere Welt war wieder in Ordnung. Das Leben ist so schön! Ein paar Kilometer weiter, suchten wir uns einen Rastplatz für die Nacht und so stehen wir jetzt wieder an einem kleinen Fluss, der nicht weniger tobt und talwärts sprudelt, als seine wirklich großen Brüder.

26.06.2013

Die Nacht am Fluss war eiskalt und so parkte Hubert den Mercedes gleich nach dem Erwachen etwas höher, wo um diese Zeit schon die Sonne hin schien. Nach dem Frühstück machten wir uns nach „Aktash“ auf, um dort Kleinigkeiten einzukaufen und wenn möglich Geld abzuheben, damit wir kurz vor der Grenze volltanken und den letzten Großeinkauf vor der Mongolei erledigen konnten. Wir erstanden an einer kleinen Braterei auch in Öl ausgebackene Teigtaschen verschiedener Form und Größe, von denen 2 Sorten mit Hackfleisch und eine Sorte (statt wie erhofft mit Marmelade) mit Lammfleischstücken und Zwiebeln gefüllt waren. Diese Teigtaschen aßen wir am Beginn eines Seitentals, in das wir fahren wollen, um weiter oben, in ca. 1800 m Höhe, einen schönen See zu umwandern. Dann ging es über eine staubige Piste aufwärts. Beim See angekommen mussten wir feststellen, dass wir ihn nicht umwandern konnten und so sonnten wir uns eine Weile. Mit Baden wurde es nichts, das Wasser war eiskalt. Aber wir entschlossen uns, wenigstens die Füße ins Wasser zu stecken und unsere Haare so gut es ging zu waschen. Eine erfrischende Wohltat.

Auch an einem kleinen Bach kamen wir wandermäßig nicht weiter und so fuhren wir weiter bis nach „Kosh Agach“. Dort gab es alles, was das Herz begehrt und so erledigten wir hier unseren Großeinkauf und tankten noch einmal voll. Glücklicherweise, denn später stellte sich heraus, dass der Ort in dem wir das eigentlich vorhatten – Taschanta (direkt an der Grenze zur Mongolei) ein Kaff war, in dem es nix gab. In Kosh Agach kamen wir noch zu einem köstlichen Abendessen: Pelmeni (gefüllte Teigtaschen), Suppe und Salat. Auf unserer Weiterfahrt fanden wir einen Schlafplatz auf einem Hügel mit Blick auf die gesamte Ebene und alle umliegenden Berge. Eine Weite – eine Stille – ein Genuss!

Einreise in die Mongolei

27.06.2013

Heute wurden wir mit strahlendem Sonnenschein geweckt und eine Herde – wahrscheinlich wilder Pferde – stand ganz in der Nähe und beobachtete uns. Als sie sicher waren, dass von uns keine Gefahr ausgeht, querten sie vor uns den Hügel zur nächsten Stelle mit bunten Kräutern und grasten weiter. Nach dem Frühstück starteten wir zur Grenze. Um 12:30 Uhr waren wir in „Taschanta“ vor Ort. Die Russen haben die Abfertigung in diesen Ort ca. 15 km vor der eigentlichen Grenze gelegt.

Die erste Station ist das „Imigrations-Büro“. Die zweite Station ist für die Kontrolle, ob alle Papiere vollständig sind. Dann eine Stunde Mittagspause aller Beamten abwarten, bevor wir zum eigentlichen Grenzpunkt vordringen konnten. Danach Zollpapiere prüfen lassen, anschließend Pass- und Autokontrolle. Die Autokontrolle viel bei uns um Einiges oberflächlicher, als bei allen anderen aus. Aus Germany kommen wohl nicht so oft Besucher an diese Grenze. Teilweise war das bei den anderen Reisenden schon Schikane. Die mussten ihr Gepäck aus- bzw. abladen und zum Scanning. Dort warteten sie dann, bis sich Jemand die Zeit nahm, die Sachen tatsächlich zu prüfen. Egal ob Mütter mit Babys oder ganz alte Leute. Null Rücksicht, keine Sitzgelegenheiten und betont langsame Arbeitsweise. Der jeweilige Driver muss alle Türen und Klappen seines Fahrzeuges öffnen. Ist für die Beamten alles OK, wird sämtliches Gepäck wieder auf- bzw. eingeladen, verschnürt und dann können sie weiterfahren. Und dies an jeder Grenzabfertigung!

Bei unserer Autokontrolle viel allerdings Rocky ins Auge und so musste noch der Veterinär seine Kopien des Hundepasses machen und den Besitzer ermitteln. 15:30 Uhr waren wir wieder erwarten schon durch und hatten nur noch einen freundlichen jungen russischen Soldaten als Nachposten an der eigentlichen Grenze am Pass „Durbet-Daha“ (in 2481 m Höhe) vor uns, der uns auf Deutsch „Gute Reise“ in den Sand schrieb.

Nach etwa weiteren 15 km kam die Grenzabfertigung auf mongolischer Seite. 16:30 Uhr waren wir da. Erst wurde das Auto desinfiziert für 50 Rubel, ob man wollte oder nicht. Danach wieder die Vorkontrolle auf Vollständigkeit unserer Papiere. Dieses Mal habe ich den Hund gleich mit angegeben. Nach kurzem Warten dann die Einfahrt zur eigentlichen Grenzkontrolle. Dort erst mal das Auto öffnen und Grobkontrolle, durch sich wichtig nehmende Beamte. Wir glauben, dies war mehr Neugier als notwendig. Im Anschluss ging es zur Passkontrolle und Driver-Registrierung. Dann ein weiteres Mal Autokontrolle. Dieses Mal durch den Zoll und etwa in dem Stil, wie es die Russen bereits zuvor getan hatten. Danach Check der Hundepapiere – ein Zertifikat fehlt. Welches? Keine Ahnung. Hubert tat sein Bestes um mit Händen und Füßen zu erklären, dass der Hundepass alles beinhaltet, damit wir unseren Ausfahrt-Stempel bekommen konnten. Dann wieder Autokontrolle wegen der Autoregistrierung.

Auch bei den Mongolen wurden die anderen Reisenden mehr getriezt, als wir. Gegen 18:00 Uhr war alles geschafft. Niemand hatte unseren Zusatztank mit 80 Liter Diesel oder den 2. Kanister mit 20 Liter entdeckt. Man darf nur 10 Liter mitführen. Das ist aber ein Risiko, denn obwohl es in der Mongolei Tankstellen gibt, gibt es dort eben nicht immer Diesel! Wegen der Winterkälte fahren hier fast alle Autobesitzer einen Benziner. Nur die LKW´s nutzen Diesel. Unsere Bier- und Schnapsvorräte (= Geschenke) blieben ebenfalls unentdeckt. Froh, alles schadlos überstanden zu haben, fuhren wir weiter nach „Tsaaganuur“ und wurden gleich von einem freundlichen, aber etwas aufdringlichen Einwohner in seine Hütte für die Nacht eingeladen. Das war Hubert für einen Tag zu viel an Trubel. Und so dankten wir freundlich, reichten 4 Zigaretten weiter (eine freundschaftliche Geste, wenn man sich trifft, statt Schnupftabakfläschchen zu tauschen) und fuhren ein kleines Stück Rtg. Ölgii weiter, um auf einer Anhöhe, umringt von dicken Murmeltieren, Übernachtungsrast einzulegen und zu Abend zu essen.

28.06.2013

Heute starteten wir nördlich in Rtg. Ulaan Gom. Wir mussten zuerst den Durchschlupf zwischen eingezäunten Öllager- und Armee-Gelände in Tsaaganuur finden. Dann ging es auf eine „Fernstraße“ (= wichtige Piste). Sie war am Anfang gut zu erkennen. Uns kamen Nomaden mit ihrem Hausrat auf kleinen Transportern und Tierherden mit ihren Hirten entgegen. Alle winkten uns freundlich zu. Wir sahen auch deutlich mehr Jurten, als wir erwartet hatten.

Zuerst ging es durch ein Vorgebirge, später auf einer Hochebene weiter. Dort verlor sich die Piste zwischen mehreren anderen Pisten. Hier sind die Straßen weder gekennzeichnet, noch deutlich erkennbar. Hubert wählte die ausgefahrendste Spur und wir kamen in einen kleinen Ort, der deutlich schöner war, als Tsaaganuur. Wir wissen leider immer noch nicht, wie er hieß. Wir befragten die Leute nach dem Weg und fuhren in die angewiesene Richtung. Nach einer Weile kamen wir durch eine Geröll-Wüste.

Als uns nach einiger Zeit ein Fahrzeug entgegenkam, erkundigten wir uns erneut nach dem Weg, denn hier kann man sich schnell verfahren. Die beiden Männer bedeuteten uns, dass wir ihnen folgen sollten, denn es gäbe durch den vielen Regen nur weiter südlich eine Fuhrt über den Fluss, die wir passieren könnten. Das taten wir auch. Wir fuhren bis zu einer Stelle, an der wir uns nordöstlich und die Männer sich südlich halten mussten. Wir sollten weiterfahren, bis an den Fluss, diesen durchqueren und immer weiter nordöstlich fahren, dann könnten wir Ulaan Gom gar nicht verfehlen. Hubert hatte vorsorglich seinen Kompass herausgesucht. Was sollte uns also schon passieren. Wir kamen zum Fluss, fanden jedoch, durch den vielen Regen der letzten Wochen, keine Fuhrt und hielten uns nördlich, da dies die Richtung zur Fernstraße war. Wenn wir keine Fuhrt finden konnten, dann doch wenigstens die Straße.

Wir begegneten Leuten in einem kleinen Dorf am Fluss, die gerade ein Haus aus Lehmziegeln bauten. Die Ziegel wurden genauso hergestellt, wie ich es schon in Ägypten gesehen hatte. Auch diese Leute befragten wir nach einer Fuhrt und der besten Strecke nach Ulaan Gom. Jeder von ihnen traf eine andere Aussage. So blieben wir bei unserer eingeschlagenen Route. Bevor wir uns jedoch wieder entfernten, suchte wir eine Felsformation auf, die Huberts Herz höher schlagen ließ. Die gleiche Art Stein und Fels hatte er in Namibia gesehen und zu allem Überfluss entdeckte ich beim Umwandern des Felsen gegenüber eine kleine Sandwüste unterhalb ganz anders aussehender Berge. Die eigentliche Nord-Gobi lag viel weiter östlich und ging teilweise soweit hoch in den Norden, dass sie auf demselben Breitengrad wie Stuttgart zu finden ist. Damit ist sie die nördlichste Wüste der Welt.

An der Felsenformation machten wir erst mal Mittag und reisten dann weiter. Irgendwann fanden wir die Fernstraße und folgten ihr in Richtung Berge, wie wir es von Anfang an vorhatten. Wir entdeckten kleine „Oasen“ mit Dörfern, die momentan zwar verlassen (wahrscheinlich Winterquartiere der Nomaden), aber total in Schuss waren. Sie waren teilweise so idyllisch am Fluss zu finden. Vorher konnte man die Oasen gar nicht sehen. Sie waren in Bergschluchten verborgen, die man nicht ohne Weiteres sehen konnte. Die Hochebene kam einem wie eine riesige durchgängige Fläche vor. Man fuhr die Piste von der Geröllwüste einfach mal abwärts und irgendwann ging es wieder aufwärts. Und dazwischen lagen diese schönen Fleckchen Erde.

Wir fuhren lange der Piste nach und fanden aber keine Flussüberquerung. So entschlossen wir uns umzukehren und dem Fluss in südlicher Richtung zu folgen. Entweder fanden wir doch noch eine Fuhrt, oder wir mussten sehr weit südlich bis zum See runter fahren, in den der Fluss mündete und diesen dann umrunden, um auf unsere geplante Strecke zu kommen.

Rückzu ging es auf einer Sandpiste südlich. Da kamen wir etwas schneller vorwärts. Irgendwann starteten wir einen letzten Versuch den Fluss zu durchqueren an einer Stelle, an der er sehr breit und damit zwangsläufig flacher war und sich in mehrere kleine Flüsschen teilte. Die Stelle war mit Steinhaufen gekennzeichnet, es war, wie sich später herausstellte, die richtige Fuhrt nur mit viel zu viel Wasser. Die ersten drei Fluss-Arme waren gemeistert, doch der Kies im Letzten war zu locker, mit Sand versetzt und bildete eine Art Sandbank. Da fand der Mercedes keine „Griff“ mehr, rutschte und schon steckten wir fest. Huberts Versuche uns hier heraus zu manövrieren scheiterten. Er stand lange im eiskalten Wasser und versuchte mit beiden Händen, die Räder frei zu legen. Dabei hat sich Hubert seine Finger blutig geschürft. Durch das kalte Wasser hat er es gar nicht bemerkt. Nachdem ich ihn immer wieder mit heißem Tee, warmen Fußbad und Pflaster „verarztet“ hatte, war uns klar, dass wir die Nacht mitten im Flussbett verbringen müssen, immer in der Hoffnung, dass das Wasser nicht steigt. Morgen wollen wir das eiskalte Wasser durchwaten und uns Hilfe suchen. Der Rucksack mit einer Trinkflasche, allen Dokumenten, Geld, Fotoapparat (damit wir zeigen können, was unsere Misere ist) ist schon gepackt. Nachdem wir etwas Wein und drei Schnäpse getrunken hatten (obwohl der Blick auf das Wasser uns schon trunkig genug macht), konnten wir uns unserem Malheur leichter ergeben. Jetzt noch ein schöner Sonnenuntergang über den schneebedeckten Bergen und dann schlafen. Mal sehen, ob uns gelingt.

Es langt nicht, etwas schaffen zu wollen, oft ist ein hilfreicher Mensch von Nöten, aber immer ist das eigene Selbstvertrauen entscheidend, ob eine Sache gut ausgeht oder nicht. Deshalb zweifle nicht an Dir selbst.

Vertraue auf dich

Hier geht es zum Teil IV des Reisetagebuchs:

Reisetagebuch IV

 

 

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